Für einen demokratischen Klassenkampf

http://blog.sektionacht.at/2013/04/fur-einen-demokratischen-klassenkampf/

 

 

Dienstag, April 30th, 2013 | Sozialdemokratie

Die Sozialdemokratie hat sich längst von der Idee verabschiedet, gegen den herrschenden Mainstream eine eigene Interpretation der Welt anzubieten und für deren politische Implikationen einzutreten. Mit der Krise wird es höchste Zeit, einen solchen demokratischen Klassenkampf im 21. Jahrhundert wiederzubeleben.

Dieser Artikel erschien anlässlich des 1. Mai 2013 in der Wiener Wochenzeitung Falter.

Nikolaus Kowall

 

 

Als ich am Anfang meines politischen Engagements erstmals mit linker Weltanschauung in Berührung kam, eröffnete sich mir ein Universum voller Verheißungen. In meiner damaligen Vorstellung würden die ausgebeuteten Massen, die Verdammten dieser Erde irgendwann die alte Welt mit den Mitteln des Klassenkampfes niederreißen. Ist erst der Kapitalismus besiegt und die Klassenfrage gelöst, würden sich Nationen, Geschlechter und Ethnien wie Geschwister in den Armen liegen. Wieso sich viele Menschen im Laufe ihres Lebens von dieser Vision wieder abwenden, hat viele Gründe. Vielleicht, weil die revolutionäre Linke ihre großen Versprechen nie einlösen konnte. Vielleicht, weil älter werden und beruflicher Aufstieg den Standpunkt verändern und 3.000 Euro netto pro Monat den Bedarf an Revolution vermindern. Womöglich erschließen auch die zunehmenden Erfahrungen mit der Unvereinbarkeit eines „richtigen Lebens im Falschen“ die unendlichen Graustufen der Welt.

Viele verfallen wegen dieser Einsichten in Apathie oder Zynismus. Andere wenden sich dem Machbaren innerhalb einer sozialen Marktwirtschaft zu und lassen ihre Ziele bescheidener werden. Die kleinen Schrauben, an denen man drehen kann, werden nicht mehr verachtet, sondern gegen die großen Räder, die man bewegen wollte, ausgetauscht. Der ursprüngliche Fokus auf die Ausbeutung der Besitzlosen im Kapitalismus, also auf die Klassenfrage, deren Klärung doch einst alle anderen Probleme lösen sollte, gerät in den Hintergrund und verblasst oftmals völlig. Diesen linken Lebenszyklus gibt es offenbar nicht nur bei Individuen, sondern auch bei sozialen Bewegungen. Der in der österreichischen Arbeiterbewegung bereits 1945 eingeleitete Abschied vom revolutionären Klassenkampf, wurde im Lauf der Zweiten Republik ins Extrem getrieben. Bis zur Wirtschaftskrise 2008 wurde das Thema „Klasse“ in der Sozialdemokratie unsichtbar. Die historische Kernkompetenz wurde einfach abgelegt wie ein unmodern gewordenes Kleidungsstück, für das man sich plötzlich in der Öffentlichkeit genierte. Diese Selbstverleugnung der Arbeiterbewegung führt zur Schlüsselfrage der Sozialdemokratie unserer Zeit: Wie kann sie einen von Erlösungsvorstellungen befreiten „Klassenstandpunkt“ wiedererlangen? Denn Klasse ist für die Sozialdemokratie vielleicht nicht alles, aber ohne Klasse ist alles nichts

Um transparent zu machen, von welchem Standpunkt aus dieser Text geschrieben wurde, werde ich mich kurz weltanschaulich verorten. Ich bin aus Überzeugung Anhänger von parlamentarischer Demokratie und Marktwirtschaft. Die Kombination der beiden ermöglicht mehr Durchsetzung von Gleichheit, Freiheit und Solidarität als alle erprobten Alternativen. Ich verteidige in Diskussionen die Marktwirtschaft gegen die Planwirtschaft mit just jenen Argumenten, die der Liberale Friedrich August Hayek in seinem Werk „Der Weg zu Knechtschaft“ 1944 so brillant auf den Punkt brachte. Erhellend ist beispielsweise Hayeks Erkenntnis, dass eine zentrale Sammlung aller Informationen einer Volkswirtschaft unmöglich ist; oder die Einsicht, dass geplante Wirtschaften, in denen der Arbeitsplatz nicht frei gewählt werden kann, auch politisch diktatorischen Charakter annehmen werden. Allerdings verweigere ich Hayek die Gefolgschaft ab der raffinierten, aber falschen Schlussfolgerung, dass staatliche und gewerkschaftliche Eingriffe automatisch in die Knechtschaft planwirtschaftlicher Diktaturen führen müssen. 70 Jahre westeuropäischer Wohlfahrtsstaat sind der Gegenbeweis. Marktwirtschaft ist mit marktfremden Komponenten nicht nur kompatibel, sondern für ihr eigenes Funktionieren darauf angewiesen. Als Sozialdemokrat setze ich mich auf dem Fundament von Marktwirtschaft und Demokratie dafür ein, dass Politik und Wirtschaft in unserer Gesellschaft von einer Mischform marktlicher, staatlicher und zivilgesellschaftlicher Komponenten bestimmt werden.

Diese Mischform, nennen wir sie „öko-soziale Marktwirtschaft“, steht seit Jahrzehnten von wirtschaftsliberaler Seite unter Beschuss. Selbst die Krise konnte die Marktgläubigkeit nicht nachhaltig erschüttern, obwohl offenkundig wurde, dass die Finanzmärkte, das Paradebeispiel entfesselter Märkte, die Quelle des größten Marktversagens sind. Die Finanzkrise wurde sogar in eine Staatsschuldenkrise uminterpretiert, obgleich die EU-Staaten ihre Verschuldung im Jahrzehnt vor der Krise reduzieren konnten. „Sparen“ bedeutet in der Realität „Rückbau des Wohlfahrtsstaats“, und „Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit“ heißt übersetzt „Lohnkürzungen“. Der Wohlfahrtsstaat und die Gewerkschaften stehen am Pranger obwohl jene Staaten, wo beide besonders stark sind, die Krise am besten bewältigten (etwa Österreich und die skandinavischen Staaten). Selbst in Zeiten der Globalisierung ist der Absatz der Unternehmen primär von den heimischen Einkommen abhängig – 87 Prozent der Produktion der EU werden in der EU nachgefragt. Gewerkschaften und Wohlfahrtsstaaten stabilisieren Löhne, und damit den Absatz der Unternehmen über alle Wirtschaftsschwankungen hinweg. Trotzdem glaubt das Gros der Wirtschaftstreibenden, die Durchsetzung ihres unmittelbaren Vorteils, etwa ein niedriger Lohnabschluss, sei zu ihrem eigenen Wohl. Der vermeintlich eigene Vorteil ist jedoch nicht nur kein Vorteil aller, sondern er wird für die Unternehmer sogar zum Nachteil. Trotzdem bleiben, ungeachtet aller negativen Erfahrungen der letzten Jahre, „Standortwettbewerb“ und „Gürtel enger schnallen“ die dominanten Denkfiguren in der öffentlichen Diskussion. Das deutet auf eine Resistenz jener marktradikalen Doktrin hin, die alle demokratischen Elemente als marktfremde Störungen erachtet. Die Demokratie soll aus allen Bereichen zurückgedrängt werden, damit die natürliche Ordnung sich angeblich selbst regulierender Märkte gedeiht. Das ist, wie man es auch drehen und wenden will, ein Klassenkampf von oben.

Es waren die Marktliberalen, die die Finanzierungsbasis des Wohlfahrtsstaates aushöhlten. Wegen ihres Drängens wachsen die Löhne seit 25 Jahren nicht mehr mit der Produktivität mit. Der Anteil der Löhne am Volkseinkommen sank seit 1980 von über 70 Prozent auf heute nur knapp über 50 Prozent. Was der Staat bei den Löhnen an Steuern und Sozialversicherung verliert, könnte er sich bei den  gegengleich wachsenden Vermögen mittels Besteuerung wieder zurückholen. Wieder waren es aber die Marktliberalen, die Steuererhöhungen auf der Kapitalseite nicht nur verhinderten, sondern die vermögensbezogene Besteuerung in Österreich zwischen 1990 und 2005 auf nur 1,3 Prozent am Steueraufkommen gedrittelt haben. Es sind auch die Marktliberalen, die den Wohlfahrtstaat für jene Verschuldung verantwortlich machen, die sie durch ihre eigene Steuersenkungspolitik samt Umverteilung von unten nach oben ausgelöst haben. Und es sind die Marktliberalen, die sich am lautesten über die wachsende Menge jener Menschen empören, die steuerlich nichts mehr beitragen; obwohl sie mit ihrer Politik der Lohnzurückhaltung genau den Niedriglohnsektor zu verantworten haben, in dem die (prekär) Beschäftigten keine Einkommensteuer zahlen.

Wie kann Österreich gleichzeitig zu den zehn reichsten Volkswirtschaften der Welt gehören, aber ein angeblich hoffnungsloser Fall der Reformunfähigkeit sein? Wie kann Österreich regelmäßig mehr Waren und Dienstleistungen ausführen als es einführt, wozu es ja es mehr produzieren als konsumieren muss, aber trotz dieses Unterverbrauchs angeblich über seine Verhältnisse leben? Wie kann es sein, dass wir durch den internationalen Freihandel reicher werden, aber gleichzeitig wegen des internationalen Wettbewerbs den Gürtel immer enger schnallen müssen? Wieso müssen Arbeitsbedingungen, Arbeitszeit und letztlich Lebensqualität deutlich schlechter sein als in den 1970er-Jahren, obwohl wir als Volkswirtschaft mehr als doppelt so reich sind wie damals?

Alle diese Widersprüche lassen vermuten, dass die heute dominanten Erklärungsmuster in Politik, Medien und Wissenschaft grundlegend hinterfragt werden müssen. Es lässt vermuten, dass wir Akteurinnen und Akteure brauchen, die, um mit Marx zu sprechen, die Welt vom Kopf auf die Füße stellen. Es lässt vermuten, dass wir Überzeugungstäter brauchen, die mit größtmöglicher Authentizität zu den Menschen gehen, um diese für einen neuen Blick auf Wirtschaft und Gesellschaft zu gewinnen. Es lässt vermuten, dass es dazu eine Partei braucht, deren Kernkompetenz im Zeichen der Erkenntnis steht, dass Ungleichheit das Resultat gesellschaftlicher Strukturen ist – und diese veränderbar sind. Diese Auseinandersetzung wurde von der Sozialdemokratie bis in die 1980er-Jahre auch aktiv geführt, eine Auseinandersetzung die nichts anderes war als ein demokratischer Klassenkampf.

Viele NGO’s und soziale Bewegungen sind im Prinzip Gruppen mit Spezialinteressen. Für die feministischen Bewegungen stellen geschlechterpolitische Anliegen den Hauptfokus ihrer Aktivitäten dar. Für die Bürgerrechtsbewegung in den USA ist und war vor allem der Kampf gegen Rassismus das entscheidende Mobilisierungsmoment. Die Arbeiterbewegung möchte aber Menschen aller Geschlechter und Ethnien, primär in ihrer Eigenschaft als Klassenangehörige, für politische Ziele organisieren. Das Spezialinteresse der Frauen- und Bürgerrechtsbewegungen sind jeweils die faktische Gleichstellung. Das Spezialinteresse der Arbeiterbewegung ist, der Klassenkampf. Mit Klasse ist im 21. Jahrhundert keine männliche weiße Industriearbeiterschicht gemeint, sondern eine riesige inhomogene Gruppe in unserer Gesellschaft. Die Klasse, deren politische Vertretung die Sozialdemokratie beanspruchen will, kann unterschiedlich  definiert werden – ganz traditionell als „Lohnabhängige“, eher zeitgenössisch als „99 Prozent“ oder einfach als Menschen, die von ihrer Arbeit leben müssen. Für eine progressive Allianz ist die Sozialdemokratie auf eine Kooperation mit allen anderen sozialen Bewegungen angewiesen. Doch damit es so weit kommen kann, muss sie sich ihrer eigenen Kernkompetenz erst wieder bewusst werden.

Die Idee des Klassenkampfs besagt erstens, dass ein Verteilungskonflikt zwischen Kapital und Arbeit besteht. Zweitens muss die Arbeitsseite solidarisch (und international) kämpfen, um von der Kapitalseite nicht übervorteilt zu werden. Der Klassenkampf ist ein altes europäisches Konzept und das Gegenmodell zum American Dream alias „Vom Tellerwäscher zum Millionär.“ Letzterer besagt, dass jeder Mensch ganz nach oben kommen kann, wenn er nur alle notwendigen Anstrengungen unternimmt. Es ist der US-Traum vom sozialen Aufstieg in einer steilen Hierarchie mittels gewonnener Konkurrenzkämpfe, basierend auf dem Prinzip “the winner takes it all”. Dagegen steht das solidarische Konzept einer vielfältigen, aber politisch gemeinsam agierenden Klasse, die für die Gesamtheit ihrer Angehörigen ein größeres Stück vom Kuchen erkämpft. Im American Dream kann es jeder schaffen, im Klassenkampf können es alle schaffen. „Alle“ bedeutet, dass alle starten und alle im Ziel ankommen. „Jeder“ bedeutet, dass alle starten und nur wenige zum Ziel kommen. Der begriffliche Unterschied zwischen jeder und alle ist die Trennlinie zwischen Marktliberalismus und Sozialdemokratie.

Der „demokratische“ Klassenkampf bedeutet keinen Kampf gegen Menschen, sondern einen Kampf um die Deutung der Gesellschaft. Er möchte der Vorstellung, dass der Vorteil des einzelnen zum Vorteil aller gereicht, ein konsensstiftendes Gleichgewicht aus individuellen und kollektiven Interessen entgegensetzen. Der demokratische Klassenkampf ist nicht Bestandteil, sondern die Existenzberechtigung der Sozialdemokratie. Er ist die Antithese zur Umfragen- und Boulevardpolitik. Die derzeitige SPÖ ist so etwas wie der Klub des toten Klassenkampfs. Man reagiert zwar auf Stimmungsänderungen in der Bevölkerung und implementiert dementsprechend die Verteilungsgerechtigkeit in die tagesaktuelle Agenda, doch niemand käme in der Parteispitze heute auf die „kühne“ Idee, offen für eine weltanschauliche Alternative zum marktliberalen Mainstream zu kämpfen. Wenn sich die sozialdemokratische Position vom Mainstream klar und glaubwürdig unterscheidet, braucht es keine Popuplisten als Alternativen. Unvorstellbar für  das Parteiestablishment, wäre der demokratische Klassenkampf eine Politik, die die SPÖ zu ihrer gemäß Kreisky „natürlichen Größe“ verhelfen würde: Nämlich zu 42 Prozent.

 

ARMIN WOLF: DER MODERATOR OHNE KINDERSTUBE ÜBER DIE SCHWIERIGKEIT, KRITISCHE FERNSEH- INTERVIEWS ZU FÜHREN

http://zukunft.orf.at/modules/orfpublicvalue/upload/11z0113.pdf – Seiten 10 -12

 

Dass Jeremy Paxman in Österreich eine große Fan- Gemeinde hätte, darf man bezweifeln. Der forsche Starmoderator der BBC – »Newsnight« wurde mit Interviews berühmt – und bei britischen Politikern berüchtigt –, die in Österreich schnell in der Abteilung »Inquisition« abgestellt würden. Legendär wurde Paxman durch ein Gespräch mit dem früheren Innenminister Howard, dem er live im Studio zwölf- mal hintereinander ein und dieselbe frage stellte. Seine oft schon aggressive Annäherung an seine Gesprächspartner begründete »Paxo« einmal so: »Ich frage mich einfach ständig, warum mich dieser lügende Bastard jetzt anlügt.« ->1    Mit dieser Art ist Paxman nicht unumstritten – und trotzdem einer der populärsten und höchstdekorierten fernsehjournalisten Großbritanniens.

Österreich ist anders. Eine einzige Frage in einem »ZiB 2«- Interview mit Fritz Neugebauer, dem Chef der Beamtenge- werkschaft, zu den Gehaltsverhandlungen im Herbst 2011 pro- voziert eine wahre Flut an E-Mails: Wie er den Steuerzahlern erkläre, dass die Beamtengehälter in den letzten zehn Jahren im Schnitt wesentlich stärker gestiegen seien als die Gehälter in der Privatwirtschaft? »Beamtenhetze«, »widerliche Pro- paganda«, »Wischen Sie mal für 1.100 Euro im Krankenhaus Menschen den Hintern aus, dann würden Sie keinen solchen Unsinn fragen«, lauten nur ein paar der Beschwerden. Noch mehr Aufregung herrscht in der »ZiB 2«-Mailbox üblicherweise nur nach kritischen Interviews mit Lehrervertretern. Oder mit Politikern von FPÖ oder BZÖ: »Verhör«, »linke Propaganda« oder »Inquisitor« entrüsten sich da regelmäßig Zuseher/innen über die Befragung und: »Mit welcher Berechtigung spielt sich Ihr präpotenter Moderator als Staatsanwalt auf.« Noch deutlicher wurde ein Anrufer vor einigen Jahren nach einem ausführlichen Interview mit FPÖ-Chef Strache: »Diese rote Zecke Wolf gehört in die Gaskammer!« – was die geduldigen Damen des ORF-Kundendiensts säuberlich notierten.

Es kommen natürlich auch immer wieder positive Kommentare und Komplimente – aber jedes durchschnittliche, etwas kritischere »ZiB 2«-Gespräch zeigt: Viele Seher/innen wollen keine kontroversiellen Interviews sehen (auch wenn sie laut den minutengenauen Quoten-Protokollen der ORF- Medienforschung dabei nicht abschalten). Trotz all ihrer Imageprobleme und Glaubwürdigkeitsdefizite gelten Politi- ker/innen offenbar noch immer als Respektspersonen – und je höher das Amt, umso eher. Einen Gesprächspartner mit einer Nachfrage zu unterbrechen, betrachten viele Zuseher/innen grundsätzlich als Zeichen übler Kinderstube (»Ich habe schon als Kind gelernt, dass man den anderen ausreden lässt. Ihr Moderator offenbar nicht!«) und spätestens beim Regierungs- chef wird es vollends unakzeptabel. Dem Bundespräsidenten, der gerne bedächtig, ausgewogen und differenziert argumen- tiert, ins Wort zu fallen, grenzt an Widerstand gegen die Staatsgewalt, und endgültig zum Sakrileg wird die Nachfrage bei Kirchenfürsten. Nach einem Gespräch mit dem Wiener Erzbischof – dem man mitunter auch im Fernsehen anmerkt, dass er das Format einer Predigt gewöhnt ist (sehr viel Zeit und keine Fragen) – flatterte eine Ansichtskarte in die Redaktion: gedruckt im Verlag »Barmherzigkeit International« und mit einem knappen handschriftlichen Bescheid an den Moderator versehen: »Du bist und bleibst eine Drecksau!!!«

Aber natürlich gibt es auch ganz andere Interviews.

Ein Interview ist schließlich nichts anderes als »eine Befragung oder ein Dialog, in dem der Interviewer Fragen stellt und der Interviewte Antworten gibt«, wie es ein renommiertes US-amerikanisches Wörterbuch der Mediensprache prägnant definiert. ->2    Als journalistische Darstellungsform ist das Interview relativ jung. In amerikanischen Lehrbüchern wird sogar ein exaktes Geburtsdatum angegeben – der 16. April 1836.

»Einige.«

20. 4. 2011 EU-Abgeordneter Hans-Peter Martin auf die Frage, wie viele Mitglieder seine Partei eigentlich hat.

An diesem Tag erschien im New Yorker »Herald« die wörtliche Wiedergabe eines Gesprächs zwischen dem Reporter James Gordon Bennett und der Kronzeugin in einem Mordprozess. ->3    Sehr schnell wurde die neue Form populär – erst vor allem bei Kriminal- und Chronikreportern, später in Berichten über Celebrities aller Art. Zeitweise waren die Zeitungsseiten derart mit Interviews überfüllt, dass sich ein Kommentator 1886 beklagte: »Dieses amerikanische Interview ist erniedrigend für den Interviewer, ekelhaft für den Interviewten und ermüdend für das Publikum.« ->4    Zu dieser Zeit waren auch bereits die ersten Interviews mit Politikern erschienen. Andrew Johnson gilt als erster Präsident der USA (1865 – 1869), der sich wiederholt Gesprächen mit einem Journalisten stellte, die auch veröffentlicht werden durften.

Damit wurde eine journalistische Form etabliert, die Reporter auf Augenhöhe mit jenen Politikern brachte, über die sie zu berichten hatten. Die Legitimation dafür war »der Anspruch der Bürger, über die Handlungsmaximen der Politiker authentisch ins Bild gesetzt zu werden«, schreibt Michael Haller in seinem Standardwerk »Das Interview« ->5 .   Genau dieser »emanzipatorische Anspruch« der Öffentlichkeit – vertreten durch die Medien – gegenüber der Politik macht Interviews mit politischen Entscheidungsträgern auch heute noch zu einer zentralen Form politischer Kommunikation. Live-Gespräche in Radio und Fernsehen gehören zu den weni- gen Situationen, die durch Medienberater und Spin-Doktoren kaum (vor-)inszeniert und kontrolliert werden können – und in denen Politiker gezwungen sind, sich zu erklären, ihre Entscheidungen zu begründen, sich Widerspruch zu stellen und gegen Einwände zu rechtfertigen.

Wie weit ein Interviewer dabei gehen darf – gerade im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – ist beim Publikum und auch bei den betroffenen Politikern immer wieder umstritten, wurde aber 1989 sehr grundsätzlich geklärt: in einem Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs zum berühmt gewordenen Waldheim-Interview der ORF-Journalisten Hans Benedict und Peter Rabl. Es ging um die vieldiskutierte Kriegsvergangenheit des damaligen Bundespräsidenten, und die Redakteure befragten ihn tatsächlich außergewöhnlich hart und strecken- weise auch sehr polemisch. Vor der damaligen »Rundfunk- Kommission« wurden Benedict und Rabl dafür verurteilt – wegen Verletzung des Rundfunkgesetzes –, aber die ORF- Führung berief dagegen vor dem Höchstgericht. Dessen richtungweisende Erkenntnis setzt bis heute den Rahmen für politische Gespräche im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – schon allein durch seine schlichte Definition eines Interviews als »Sendeform, die aus kontroversieller Rede und Gegenrede besteht.« ->6    Die Kontroverse, die Konfrontation unterschiedlicher Standpunkte, der Widerspruch wurden hier geradezu als Wesenselement eines Interviews festgeschrieben. Die Rolle des Journalisten erschöpfe sich eben »nicht in der Beisteuerung neutraler Stichworte für Statements des Inter- viewten«, argumentierten die Verfassungsrichter. Vielmehr seien auch »scharf ausgeprägte Standpunkte und provokant- kritische Stellungnahmen« zulässig. Mit gutem Grund: »Weil der Befragte dazu sogleich in freier Antwort selbst Stellung nehmen kann.« Der Fragesteller dürfe zwar nicht »gleichsam rechtsmissbräuchlich-willkürlich agieren« und ein »den Interviewten anprangerndes ›Scherbengericht‹ veranstalten«. Aber die Grenzen »akzeptabler kritisch-provokanter Fragestellung« seien bei einem im öffentlichen Leben stehenden Politiker »grundsätzlich weiter gezogen«.

 »Man kann nicht zu jedem Moment die volle Wahrheit sagen, weil die volle Wahrheit führt dazu, dass die falschen Menschen Geld verdienen.

10. 10. 2011: Luxemburgs Ministerpräsident Jean-Claude Juncker zur Euro-Krise

2007 ergänzte der neue »Bundeskommunikationssenat« dies in einem weiteren Spruch, nach einer Beschwerde Jörg Haiders über ein »ZiB 2«-Interview mit Ingrid Thurnher. Das Objektivitätsgebot verlange keineswegs, »dass eine Moderatorin Fragen an den Interviewten im sachlich-nüchternen Ton und getragenen Stil eines Nachrichtensprechers vorträgt«, beschied der Senat. Es müsse möglich sein, »pointiert zu fragen und zu formulieren«, den Studiogast mit anderen Meinungen und Widerspruch »zu konfrontieren und ihn ›aus der Reserve zu locken‹.« Zu den von Haider monierten »ständigen Unterbrechungen« durch die Moderatorin stellte der Senat nüchtern fest, »dass es das Wesen eines Interviews darstellt, durch gezielte Fragen eine Stellungnahme zu erhalten und einen Monolog des Interviewten … möglichst hintanzuhalten«. ->7    Auch wenn das Fans und Parteigänger von Studiogästen häufig anders sehen.

Spätestens an dieser Stelle ist ein verbreitetes Missverständnis aufzuklären: Ein Interview ist nur sehr vordergründig ein Dialog zwischen dem Fragesteller und dem Interviewten. In Wahrheit geht es natürlich um ein Gespräch vor und vor allem für Publikum. Das vermeintliche Zwiegespräch ist tatsächlich ein Dreiecksverhältnis: Leser/innen, Seher/innen und Hörer/innen sind die wahren Adressaten von Frager und Befragtem. Oder wie es knapp und präzise in einem Interview-Lehrbuch heißt: »Jedes Interview ist also ein Gespräch mit einem Zweiten für Dritte.« ->8   Journalist und Politiker stehen dabei in einem Grundkonflikt – vor dem gleichen Publikum verfolgen sie zwei grundsätzlich verschiedene Ziele: Aufklärung vs. Überzeugung.

Der Journalist agiert als Vertreter und Anwalt der Seher/innen – er konfrontiert einen Politiker mit Fragen, die sich potenzielle Wähler stellen könnten und die ihnen helfen sollen, politische Entscheidungen oder Absichten besser zu verstehen. Nach einem alten Leitsatz der BBC geht es darum, den Zusehern zu ermöglichen, qualifizierter am demokratischen Diskurs teilzunehmen. Politische Kommunikations- Profis sehen die Einladung in das »ZiB 2«-Studio freilich ganz anders: als Chance auf fünf bis sieben Minuten kostenlose Werbeeinschaltung vor rund 600.000 Zuseherinnen und Zusehern, ein tausendfach größeres Publikum als bei einer sehr, sehr großen Wahlveranstaltung. Die Fragen der Moderatoren sind aus dieser Warte lediglich störende Hindernisse, die man für die Gratis-Sendezeit in Kauf nehmen muss und die im Idealfall ohnehin Anknüpfungspunkte für die geplante Botschaft bieten. Falls nicht, wird eben versucht, Fragen möglichst elegant zu umschiffen oder schlicht zu ignorieren. Oberstes Ziel ist jedenfalls message discipline.

»Ich habe ihm seinen Job nicht weggenommen. Ich habe ihn versetzt.«

7. 11. 2011: Norbert Darabos (SPÖ) über seine Niederlage gegen Generalstabschef Entacher

Stefan Wagner, ein führender österreichischer Medien trainer, spricht das ganz offen aus. In einem Lehrbuch, das sich nicht an Journalisten richtet, sondern eben an Interview- te, gibt er als wichtige Leitlinie vor: »Wer seine Botschaft im Medium platzieren möchte, nimmt den Umweg über Journalisten zwar gerne in Kauf, doch nur dann, wenn er ihn trotz ›lästiger‹ Fragen zu seinem Publikum führt.« ->9    Immer unter dem Motto: »Niemand zwingt Sie oder kann von Ihnen verlangen, auf redaktionelle Ziele Rücksicht zu nehmen, die nicht die Ihren sind.« ->10    Und wer keine Chance darauf sieht, seine Botschaft auf Sendung durchzubringen, hat eben »Terminprobleme«, wenn die »ZiB 2«-Redaktion anruft. Immer häufiger werden Interviews schlicht abgelehnt, wenn sie nicht in die Kommunikationsagenda passen. (Noch heute ist die gesamte Redaktion überrascht, dass Medien-Staatssekretär Ostermayer im Herbst 2011 zur »Inseraten-Affäre« live ins Studio kam, nachdem seine Pressesprecherin ursprünglich wegen »Terminproblemen« abgesagt hatte.)

Den Politikern, die trotzdem kommen, weil sie sich vom Studioauftritt mehr Vorteile als Risiko erwarten, empfiehlt der frühere »Zeit im Bild«-Moderator und nunmehrige Medientrainer Klaus Edlinger eine »Strategie der 3 T«: »1. touch = die Frage kurz berühren, 2. turn = die Kurve kratzen, 3. tell = sagen, was man sagen will.« ->11   Das Ergebnis solcher Kommunikationsstrategien lässt sich nahezu täglich im Fernsehen besichtigen. »Wer gibt, speziell in TV-Interviews, die leblo- sesten Floskeln zum Besten?« fragte sich da »Die Presse« mal und regte einen »Wettbewerb im Leersprechen« unter heimi- schen Politikern an. Der »Falter« widmete dem Phänomen des zunehmend sinnentleerten politischen Interviews sogar  eine ganze Titelgeschichte mit dem nicht unzutreffenden Titel: »Bla blablablabla blabla.« ->12   Daran sind wir nicht völlig unschuldig. Robert Hochners legendärer Satz »Das Archiv ist die Rache des Journalisten am Politiker« verleitet Interviewpartner auch dazu, möglichst wenig Konkretes zu sagen, das ihnen später vorgehalten werden könnte. Und da jede Nachfrage potenziell problematisch ist, wird auch gerne versucht, durch ausdauerndes Monologisieren weitere Fragen zu verhindern. Denn auch die Studiogäste wissen, dass ein »ZiB 2«-Interview nicht länger als sechs oder sieben Minuten dauern kann. (Mitunter überziehe ich genau aus diesem Grund um ein, zwei Minuten und bringe damit Chef vom Dienst, Sendeleitung und die Kollegen auf 3sat ziemlich ins Schwitzen … ).

»Ich darf Ihnen sagen, das ist eine völlig normale, geradezu typische Struktur.«

12. 01. 2011: Karl-Heinz Grasser über sein Haus, das er über eine Stiftung an seine Frau vermietet hat

Mark Twain hat ein Interview einmal knapp und präzise beschrieben: »Üblicherweise besteht es aus einem Inter- viewer, der Fragen stellt, und einem Interviewten, der sie beantwortet.« ->13    Wenn diese wesentliche Regel jedoch beharrlich missachtet wird – und der Interviewte die gestellten Fragen einfach nicht beantwortet – verkommt das vorgebliche Gespräch zur Pseudo-Kommunikation. Statt »kontroversieller Rede und Gegenrede« hört das Publikum Wahlreden, die vom Interviewer bestenfalls kurz unterbrochen werden. Statt Argumentation: Propaganda.

Und trotzdem sind selbst solche Gespräche nicht immer sinnlos. Auch die Art und Weise, wie ein Studiogast auf eine Frage reagiert, sie nicht beantwortet, ihr ausweicht oder abzulenken versucht, kann für die Zuseher/innen lehrreich sein. In manchen dieser Interviews geht es letztlich mehr um die Fragen als um die – wenig sagenden – Antworten. Es geht um die Möglichkeit, Verantwortungsträger mit heiklen Fragen, Vorwürfen und Widerspruch zu konfrontieren. Zumindest in Grenzen. Einem Studiogast zwölfmal die gleiche Frage zu stellen wie Jeremy Paxman in der »Newsnight« der BBC wäre hierzulande nämlich keine so gute Idee. Das mögen die allermeisten österreichischen Zuseher/innen nicht. Und das wissen auch die Politiker/innen.•

  1.  Zitiert nach: Sreenonline: Paxman, Jeremy (1950 –), online unter: http://www.screenonline.org.uk/people/id/571500/ (abgefragt am 5. 1. 2011)
  2.  Weiner, Richard: Webster’s New World Dictionary of Media and Communications, New York 1996, S. 311.
  3.  Brady, John: The Craft of Interviewing, New York 1976, S. 223
  4.  a. a. o., S. 227
  5.  Haller, Michael: Das Interview. Ein Handbuch für Journalisten, Konstanz 2001, S. 25
  6.  Verfassungsgerichtshof, Erkenntnis vom 21. Juni 1989, B1701/88 – 13 B1847/88 – 10
  7.  Bundeskommunikationssenat, Bescheid vom 26. April 2007, GZ611.907/0006 – BKS/2007
  8.  Wagner, Stefan: Das intoMedia-Prinzip. Strategische Inszenierung von Image und Inhalt in den Massenmedien, Wien 2006, S. 20
  9.  a. a. o., S. 22
  10.  a. a. o., S. 173. Die nützlichste Anleitung für Interviewer in Radio und TV ist im deutschsprachigen Raum übrigens noch immer der Beitrag von Rudolf Nagiller und Hans Besenböck in: Pürer, Heinz (Hg.): Praktischer Journalismus in Zeitung, Radio und fernsehen, 4. Auflage, Salzburg 1996, S. 99 – 117 (leider in den neueren Auflagen nicht mehr enthalten.)
  11.  Zitiert nach: KRoNENZEITUNG vom 23. 8. 2005, S. 70
  12.  DIEPRESSEvom17. 3.2005,S. 3bzw.fALTERvom27. 4.2005,S. 20
  13.  ZitiertnachBrady,Interviewing,S. 227

Der Beitrag beruht auf einem Buchbeitrag des Autors (filzmaier / Plaikner / Duffek (Hg.), Mediendemokratie in Österreich, Wien 2007, S. 273 – 280), der für diesen Band aktualisiert und stark überarbeitet wurde.

Opium des Volkes – Berauscht in der Megakirche

„Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elends und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“
– Karl Marx: Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1:378

 

Berauscht in der Megakirche

>Kampf zwischen Mensch und Programm

>

Kampf zwischen Mensch und Programm 

Der Philosoph Vilem Flusser untersuchte, wie der Umgang mit der Kamera unser Denken beeinflusst. In seinem Text „Die Geste des Fotografierens“ beschreibt er den Tanz des Fotografen um sein Motiv als Suche nach einem philosophischen Standpunkt. Als stärksten Gegner des Fotografen sah Flusser nicht die Kamera selbst, sondern das Programm, das in ihr steckt.

Flusser schrieb seinen Essay in den 1980er Jahren und er starb 1991, also lange bevor die Digitalfotografie größere Verbreitung fand. Deshalb lohnt es sich besonders, diesen Text zu lesen und zu prüfen, ob sich seither die Geste des Fotografierens, also die Beziehungen zwischen Fotograf, Kamera und Motiv, geändert hat.

In seinem Essay beschreibt Flusser, wie ein Fotograf sein Motiv – einen Pfeife rauchenden Mann – umkreist. Er unterscheidet dabei drei Aspekte der fotografischen Geste, die nicht in aufeinanderfolgenden Phasen, sondern in wechselseitigem Spiel ablaufen, während der Fotograf sich mit seinem Gerät durch Raum und Zeit bewegt: „Ein erster Aspekt ist die Suche nach einem Standort, nach einer Position, von der aus die Situation zu betrachten ist. Einen zweiten Aspekt bildet die Manipulation der Situation, um sie dem gewählten Standort anzupassen. Der dritte Aspekt betrifft die kritische Distanz, die den Erfolg oder das Scheitern dieser Anpassung zu sehen gestattet.“

Drei wichtige Erfindungen 

Diese drei Aspekte werden durch drei technische Entwicklungen berührt, durch die sich die Arbeit mit Digitalkameras von der mit analogen Geräten unterscheidet: Die mögliche Echtzeitvorschau (Live View) auf das Motiv, die Option zur Aufnahme digitaler latenter Bilder in Form von RAW-Dateien oder Datenbeständen aus der Lichtfelderfassung und schließlich die Möglichkeit, in ein und demselben Apparat zwischen Einzelbildaufnahme und Videokamerabetrieb umschalten zu können.

Schon die Körperhaltung beim Fotografieren ist heute anders als zu Lebzeiten Flussers. Die meisten Menschen halten ihre Fotoapparate oder Smartphones zur Wahl des Bildausschnitts nicht mehr ans Auge, sondern vor sich hin, vom Körper weg. Das schafft Distanz zum Apparat, der damit Teil der Szenerie wird und gleichzeitig auf seinem Bildschirm vorführt, wie sein Programm diese interpretiert. Die Einheit von Fotograf und Apparat, die Flusser in seinem Aufsatz beschreibt, wird damit gelockert.

Manipulation der Realität 

Die Echtzeitvorschau auf dem Display der Digitalkamera gibt dem Fotografen mehr Freiheitsgrade und mehr Kontrolle bei seiner Suche nach dem Standort, die für Flusser auch die nach einer philosophischen Position ist: „Die Geste des Fotografen ist eine philosophische Geste, oder anders gesagt: Seit die Fotografie erfunden wurde, ist es möglich geworden, nicht bloß im Medium der Wörter, sondern auch der Fotografien zu philosophieren.“

Die Liveaufbereitung des Bildes schiebt sich zwischen das Motiv und den Fotografen, der durch seine Aktionen und seine schiere Anwesenheit nun nicht mehr nur seine Umgebung manipuliert, sondern auch deren permanent laufende Übersetzung in die digitale Bildverarbeitung. Der Fotograf kann nun also die Kamera dabei beobachten, wie sie die Welt interpretiert. Ob damit seine kritische Distanz zur Umgebung zunimmt, sei dahingestellt, komplexer werden die Beziehungen zwischen Fotograf und Motiv dadurch auf jeden Fall. Der




Realitätspuffer

Dazu kommt, dass die Fotografie ein mehrstufiger Prozess ist: Auf die Aufnahme vor Ort folgt die Auswahl der gelungenen Bilder. Zu Flussers Lebzeiten stellte der Fotograf vom Negativfilm einen Kontaktbogen her, eine Übersicht aller Bilder eines entwickelten Films auf einem Blatt Fotopapier. Darauf konnte er aus den angefertigten Aufnahmen die passendste aussuchen und entscheiden, wie er bei der weiteren Arbeit in der Dunkelkammer vorgehen sollte.

In der analogen Fotografie fungiert der Kontaktbogen als Pufferspeicher für den erfassten Vorrat an Informationen, aus dem heraus der Fotograf dann gezielt auswählt und ein neues Bild konstruiert. Dieser Realitätspuffer ist auch aus ökonomischer Sicht sehr wichtig. Je umfangreicher er ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Fotograf seinen Kunden und seinem Publikum ein passendes Bild liefern kann.

Erweiterter Speicher 

Mit Einführung der digitalen Fotografie wurde der Realitätspuffer gewaltig erweitert. Statt sich auf 36 Aufnahmen pro Kleinbildfilmpatrone beschränken zu müssen, kann der Fotograf heute auf einer billigen Speicherkarte Hunderte Bilddateien speichern. Nimmt er diese Bilder in einem Rohdatenformat auf, gibt ihm das in der Nachbearbeitung große Flexibilität. Neue Verfahren wie die Lichtfeldfotografie, die kürzlich von dem US-Unternehmen Lytro vorgestellt wurde, erlauben ihm sogar, die Schärfeebene im Bild nachträglich festzulegen.

Während Rohdatenformat und Lichtfelderfassung dem Fotografen mehr Kontrolle bei der Rekonstruktion der Aufnahme einer bestimmten Situation verleihen, geben ihm die hochauflösenden Videofunktionen seiner Kamera die Möglichkeit, einzelne Bilder aus dem erfassten zeitlichen Ablauf herauszulösen. Der Ausschnitt aus der Raumzeit, in der Flussers Fotograf seine Gesten vollführt, wird mit diesen Techniken in zunehmend hoher Präzision und Weite aus der Realität in den Pufferspeicher übertragen.




Der entscheidende Moment

Mit Umfang und Qualität des Realitätspuffers verlagert sich die Arbeit des Fotografen zunehmend in die Nachbearbeitung. Der „entscheidende Augenblick“ kann nicht mehr nur durch geschickte Bewegung des Körpers in der realen Situation erfasst, sondern auch durch Auswahl am Rechner aus dem Puffer sehr schnell und einfach rekonstruiert werden.

Diese Übergänge in den einzelnen Aspekten der fotografischen Geste von den analogen hin zu den digitalen Systemen nehmen sich weniger abrupt aus, als man vermuten würde, sie haben vielmehr einen fein abgestuften Charakter, ihre Entwicklungstendenzen sind bereits in der Erfindungsgeschichte fotografischer Systeme angelegt. In Summe jedoch schlagen diese Änderungen in eine neue Qualität um, die, folgt man Flusser, in der Praxis neue Perspektiven auf die Realität und damit auf Lebenswelt und Denken der Anwender haben wird.




Herrschaft und Vernetzung

Potenziert wird das noch durch die Möglichkeit der digitalen Vernetzung. Flusser träumte davon, dass es eine basisdemokratische Bildkommunikation gleichberechtigter Menschen über ein freies Netz geben würde, die den unterdrückerischen Tendenzen zentralistisch organisierter Medien entgegenwirken könnte. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass diese Zeiten heute schon angebrochen sind.

Dabei sollte man jedoch nicht vergessen, dass sich sowohl Plattformen wie Flickr und Facebook als auch die physische Ebene der Netzwerke in den Händen einiger weniger Personen und Unternehmen befinden. Dateiformate für Einzel- und Bewegtbilder sind – mit Ausnahmen – ebenso proprietär wie die Verfahren zur Herstellung fotografischer Geräte sowie die Software zur Nachbearbeitung.

Vom Jäger zum Sammler 

In seinem 1983 erschienenen Buch „Für eine Philosophie der Fotografie“ führt Flusser die Bewegung des Fotografen durch Raum und Zeit auf das archaische Bild des „paläolithischen Jägers“ zurück, der „sein Wild nicht im offenen Grasland, sondern im Dickicht der Kulturobjekte“ verfolgt habe. So gesehen sind die Digitalfotografen in erster Linie nicht mehr nur Jäger, sondern vor allem Sammler.

Man könnte sagen, dass sie sesshaft werden, in einem Datenraum, dessen Grenzen von den gewählten Dateiformaten und Nachbearbeitungsprogrammen definiert sind. Das wäre nicht weiter tragisch, wenn Flusser nicht die Freiheit des Fotografen sowohl an dessen Verbundenheit mit dem Apparat als auch an der Beweglichkeit dieser Einheit in Raum und Zeit festgemacht hätte: „In der fotografischen Geste wird der menschliche Körper derart mit dem Apparat zusammengeschweißt, dass es nahezu sinnlos ist, einem von beiden eine besondere Funktion zuweisen zu wollen. (…) Der Fotograf ist frei, und das nicht trotz, sondern wegen der zeitlichen Determination des Apparats.“

Hier stellt sich die Frage, ob ein still vor dem Rechner sitzender Fotograf eine ähnlich innige Verbindung mit den Werkzeugen der digitalen Nachbearbeitung eingehen wird können wie mit einer Kamera. Die Bedienung von Tablet-Rechnern mit Multitouch-Gesten ist sicher ein Schritt in diese Richtung, aber gerade hinter einfachen Oberflächen stecken in der Regel jene starken Programme, vor deren Übermacht Flusser immer gewarnt hat.

Überwindung des Programms

Flusser unterscheidet zwischen Knipsern, die dem vordefinierten Programm des Apparats folgen, und echten Fotografen, die das Programm verstehen und es kreativ überwinden können. Aufgrund der zunehmenden Komplexität der eingesetzten technischen Systeme und deren geschlossenem Charakter ist es heute ungleich schwerer als noch zu Flussers Lebzeiten, ein echter Fotograf zu werden. Vielleicht muss der Fotograf heute ein Hacker sein, alternative Programme für Kameras und Computer finden oder schreiben, für digitale Aufklärung sorgen.

Solche freien Fotografen wird die Gesellschaft brauchen, wenn es das neue gemeinsame Denken über den bedeutungsvollen Austausch von Bildern über ein dezentrales Netzwerk geben soll, den Flusser herbeigesehnt hat. Für ihn bot nur diese herrschaftsfreie Kommunikation die Chance, den lähmenden Einfluss zentralistischer Mediensysteme zu brechen. Die Freiheit des Fotografen im Netz ist damit die Freiheit aller.

Günter Hack, ORF.at


Links:

Literatur: Der Essay „Die Geste des Fotografierens“ findet sich unter anderem in dem Einführungsband „Absolute Vilem Flusser“, herausgegeben von Nils Röller und Silvia Wagnermaier, Freiburg, 2009. „Für eine Philosophie der Fotografie“ ist im Verlag European Photography erschienen.

>Fanatismus

>

denke über Fanatismus nach… 

Sind Fanatiker Menschen, die in Ihrer persönlichen Entwicklung steckengeblieben sind? Die nicht weiter an sich arbeiten wollen, und es sich daher lieber in vorgegebenen Denkmustern bequem machen? 

Warum erwischt es so oft intelligente, kreative Menschen?


Amos Oz
“Wie man Fanatiker kuriert”
Amos Oz bezeichnet sich selbst als “Experte für vergleichende Fanatismusforschung” und schlägt drei Mittel zur Bekämpfung des Fanatismus vor, nämlich 
gegenseitiges Verständnis, 
Offenheit bei gleichzeitiger Verankerung in einem “sozialen und politischen System”, 
wofür Oz das Bild der “Halbinsel” wählt, 
und nicht zuletzt 
“Humor”.



“Echte Propheten haben manchmal, falsche Propheten haben immer fanatische Anhänger.” 
Marie Ebner-Eschenbach

>Banal aber wahr!?

>Es gibt in unserem Leben unendlich viele Menschen, Umstände, Dinge, Gegebenheiten usw. über die man/frau sich freuen kann!

Und es gibt auch einige, leider nicht zu wenige, Menschen, Umstände, Dinge, Gegebenheiten usw., über die man/frau sich ärgern kann!


Es ist unsere Entscheidung, ob wir dem Einen oder dem Anderen permanent mehr Gewicht geben wollen!

Entscheiden wir uns, wann immer wir können, für das Positive, so hat dies meines Erachtens nichts mit Verdrängung zu tun, sondern ist im Gegenteil eine gute Methode, dem Negativen die Macht zu rauben!